Ökumenische Gebetsstunde für den Frieden Wien, Stephansdom, 15.02.2003

  • Lied: Vergesst nicht das Wort aus alter Zeit (Oosterhuis/Huijbers)
  • Begrüßung und Einführung
  • Lied: Ich will in meinem Haus nicht wohnen (Oosterhuis/Oomen)
  • Ruf: Herr, ich schreie zu dir (Jacques Berthier)
  • Vor 3000 Jahren wurde unser Glaubensvater Abraham im heutigen Irak berufen.
    Der Herr sprach zu Abraham: Zieh weg aus deinem Land von deiner Verwandtschaft und aus deinem Vaterhaus in das Land das ich dir zeigen werde. Ich werde dich zu einem großen Volk machen, dich segnen und deinen Namen groß machen. Ein Segen sollst du sein.
    Ich möchte weg, mein Kind ist krank und ich bekomme keine Medikamente. Ich habe Angst, kein sauberes Trinkwasser für meine Familie zu bekommen. Gibt es Zukunft für meine Kinder ohne Schulbildung?

    Der Herr sprach zu Abraham: Zieh weg aus deinem Land, von deiner Verwandtschaft, und aus deinem Vaterhaus.
    Ich möchte weg, zum dritten Mal als Soldat in den Krieg ziehen ist mir zuviel. Ich habe Angst vor der Geheimpolizei. Sind wir das Feindbild der ganzen Welt?

    Zieh weg, in das Land das ich dir zeigen werde. Ich werde dich zu einem großen Volk machen.
    Ich möchte weg, bevor wieder Bomben fallen. Ich habe Angst, dass mein Mann und meine Brüder nicht zurückkommen. Und welcher Krieg kommt danach?

    Zieh weg, ich werde dich segnen und deinen Namen groß machen. Ein Segen sollst du sein.

    (Daniel Vychytil und Gabriele Peinbauer)

  • Instrumentalmusik
  • Lied: Wir erwarten einen neuen Himmel (Janssens)
  • Lesung: Jesaja 65,21-25
  • Lied: Wir erwarten einen neuen Himmel
  • Und?, fragte Pilatus, und? Das Reich der Wahrheit wird kommen?
    Es wird kommen, antwortete Jesus.
    Niemals! Schrie Pilatus plötzlich mit so furchtbarer Stimme, dass Jesus zurückprallte. Niemals.

    Eine kleine Schlüsselszene aus dem Roman "Der Meister und Margarita" von Michail Bulgakow.
    Darin prallen zwei Welten aufeinander: In der Welt des Pilatus sind Wahrheit und Gerechtigkeit die Früchte von Cäsars Schwert. In der Welt des Jesus von Nazareth sind Wahrheit und Gerechtigkeit die Alternative zu Cäsars Schwert. Welcher der beiden Welten gehört die Zukunft?
    Aber: Stellt sich diese Frage noch? Zeigt sich nicht, dass die militärische Auseinandersetzung trotz eventueller Verlängerung der Frist immer wahrscheinlicher wird, ja beinahe schon unausweichlich erscheint? Was kann jetzt noch getan werden? Was können wir schon tun als diese vermeintliche Unausweichlichkeit ins Gebet zu nehmen und demonstrativ Nein zu sagen?
    Und doch: Genau in einer solchen Lage vermeintlicher Ausweglosigkeit, vermeintlicher Alternativlosigkeit lasst uns fragen: Welcher der beiden Welten gehört die Zukunft? Der Pilatuswelt oder der Jesuswelt? Ist nicht die Zukunft gefangen in der Gewalt der Geschichte, die sich einfach immer weiter fortsetzt, einfach fortgeschrieben wird von den Interessen derer, die die Macht haben? Die Geschichte der Mächtigen, die das Recht des Stärkeren höher achten, immer wieder höher geachtet haben als die Stärke des Rechts?
    Gerade in der Situation vermeintlicher Ausweglosigkeit erfahren wir die Kraft des Glaubens. Es ist die Kraft, die uns von Gott geschenkt wird. Die Hoffnung, die er in uns setzt. Es ist die Kraft der Umkehr.
    Der Glaube weiß jetzt schon und hier: Die Zukunft ist aus der Gewalt der Geschichte erlöst. Im Licht dieses Glaubens wird eine andere Zukunft sichtbar. Jeder und jede genießt die Früchte eigener Arbeit. Die Gesetze und Mächte der Vergangenheit, der Pilatuswelt üben keinen Unausweichlichkeitszwang mehr aus. Menschen erfüllen ihre Lebenszeit, werden alt wie Bäume. Neue Perspektiven eröffnen sich, der Weg zu alternativen Entwicklungen wird frei. Selbst für Wolf und Lamm, Löwe und Rind. Davon spricht der Prophet Jesaja, davon spricht der gekreuzigte Messias. Vom Reich der Wahrheit, das kommt. Vom neuen Himmel und der neuen Erde, die Gott schafft.
    Lange, allzulange ist diese Zuversicht zu einer Vertröstung auf ein Jenseits verkehrt worden und wird immer noch verkehrt. Aber bei den Prophetinnen und Propheten, bei Jesus und denen, die ihm nachfolgen, sehen wir: Diese Hoffnung meint unsere Welt, und sie meint unsere Welt hier und jetzt.
    Genau so lange ist gesagt worden und wird noch immer gesagt, dass christlicher Glaube biblische Überlieferung nichts zu tun habe mit der Welt der Politik. Dass es dabei nur um die Innerlichkeit, die Seele, eine ganz vergeistigte Spiritualität ginge. Aber eine harmlos private Vertröstung und Verinnerlichung befreit nicht die Zukunft aus der Gewalt der Geschichte. Die messianische Weissagung des Jesaja ist beides nicht, weder Vertröstung noch Verinnerlichung.
    Denn da ist die Rede von einem neuen Himmel und einer neuen Erde, doch auch von ganz gegenwärtigen, irdischen, diesseitigen Dingen, von der Arbeit, vom Häuser bauen und darin wohnen, vom Gebären und vom Pflanzen, vom Genießen und sich Mühen, vom Alt werden in einem erfüllten Leben. Es ist das gesegnete, das von Gott selbst umfriedete Leben.
    Hinter den positiven Bildern vom erfüllten Leben steht offenkundig die Erfahrung von Krieg und Feindschaft, von Besatzungsterror und Ausbeutung und von jener tief erschreckenden, widergöttlichen weil nihilistischen Vergeblichkeit, die die Vernichtungswut des Krieges auf jedes Leben wirft. Im Krieg ist letztlich jedes Leben umsonst. Schon diese Vision dokumentiert, dass sie geboren ist aus der festen Zuversicht, dass die Zukunft aus der Gewalt der Geschichte erlöst ist.
    Deshalb ist es für die Kirchen eine geistliche Verpflichtung, sich gegen den Krieg im Irak zu stellen. Kirchen sagen weltweit: Die Anwendung von Gewalt gegen Menschen ist niemals gerecht, auch wenn sie um einer vermeintlich gerechten Sachen willen geschehen sollte. Es gibt keine, keine religiöse Legitimation für die Anwendung von Gewalt.
    Der Krieg gegen den Irak wird von den Kirchen abgelehnt, weil es ein Präventivkrieg wäre, den kein Völkerrecht und keine ethischen Prinzipien zulassen, er wird abgelehnt, weil er unverhältnismäßige Mittel der Zerstörung einsetzen würde bei der Absicht, einen üblen Diktator zu entwaffnen, er wird abgelehnt, weil niemand ausschließen kann, ob nicht der Zustand danach schlimmer sein wird als der davor, er wird abgelehnt, weil er unannehmbare Folgen für die Menschen im Irak hätte, er wird abgelehnt, weil er unabsehbare soziale, kulturelle, religiöse Langzeitfolgen für den Irak, für die Region, ja für die Welt hätte.
    Freilich wird dann gefragt: Wenn ihr gegen den Krieg seid, seid ihr dann nicht für Diktatur?
    Die Wahlmöglichkeit zwischen Diktatur oder Krieg ist falsch, denn beides ist den Menschen, der Welt, letztlich der Schöpfung nicht zumutbar. Besonders für die leidgeplagten Menschen im Irak muss eine Alternative zu Diktatur und Krieg entwickelt werden.
    Aber was haben Wolf und Lamm damit zu tun? Was Löwe und Rind? Wie kommen die Tiere in die messianische Weissagung hinein?
    Dass die Gewalt der Menschen sich auswirkt auf unsere Mitgeschöpfe, das wissen wir. Der gewaltsame, vernichtende, ausrottende Zugriff auf die Welt, auf ihre natürlichen Ressourcen, auf Tiere und Pflanzen, findet seinen klarsten und schrecklichsten Ausdruck in Rüstung und Krieg. Nicht erst dann, wenn die Ölfelder brennen und die Urangeschosse ganze Landstriche verseuchen. Die ganze Schöpfung ist betroffen von Unfrieden und Gewalt. So sieht Jesaja auch den Tierfrieden als eine Folge des Menschenfriedens.
    Die ganze Schöpfung atmet auf und findet zu sich selbst, wenn Gerechtigkeit und Frieden aufblühen. Mit einem alten, gefüllten Wort heißt das Schalom - Schalom für alles, was Atem hat. Amen.

    (Michael Bünker)

  • Lied: Dein Reich komme, gib uns Frieden (Eder/russ. Volkslied)
  • Vorstellung des Projekts "Aladins Wunderlampe" (Dr. Eva-Maria Hobiger)
  • Kollekte
  • Lied: Träume von der Stadt auf dem Hügel (Friedrich/Platzer)
  • Segensgebet für die Empfänger der Gaben
  • Aramäisches Vater unser (gesungen)
  • Ruf: Dona nobis pacem cordium (Jacques Berthier)
  • Fürbitten
    1. Gott, in dieser Stunde denken wir an die Bedrohung, die vor unseren Augen steht:
      Wir denken dabei an Menschen die im Irak leben. Wir denken an Kurden und Iraker und andere Volksgruppen, die in diesem Land zu Hause sind. Wir kennen sie nicht. Aber wir ahnen vielleicht etwas von ihrer Angst und ihren Sorgen, wie sie sich vorbereiten müssen für den Ernstfall, wenn Groß und Klein gezwungen ist, in Schutzräume zu flüchten - wie unsere Eltern und Großeltern vor etwa 60 Jahren - nur dass die Gefahren heute noch viel größer sind. Und größer ist das Leid, das diese Menschen bedroht. Du , Gott, du willst kein Leid.
      Gott des Lebens, gib uns Kraft, dass wir im Stande sind nicht nur die Stimme zu erheben, sondern auch aktiv zu handeln, wo die Solidarität mit den betroffenen Menschen es fordert.
    2. Vater im Himmel, es ist das Land der Bibel, das von der Kriegsgefahr in erster Linie bedroht ist, das Land aus dem Du Abraham gerufen hast, der Vater Deines Volkes zu sein. Gott, wir wollen doch auch heute zu Deinem Volk gehören. Wie kann das gelingen, wenn wir an die Zerrissenheit der Länder des Nahen Ostens denken? Soviel Geschichte, so viel uralte Kultur. Alles in Gefahr? Und heute so viele Menschen, die unschuldig mit hinein gezogen werden in einen Konflikt, den sie nicht wollten. Wir haben Angst um sie. Wir haben Angst um uns.
      Gott des Lebens gib uns Mut, uns an der geeigneten Stelle Gehör zu verschaffen, Gehör für die Stimme des Lebens.
    3. Gott, es ist ja nicht so, dass wir allein mit unseren Bitten vor Dir stehen. Viele setzen sich ein für den Frieden. Aber Konflikte haben immer verschiedene Ebenen, verschiedene Ausgangspunkte. Wir denken an uns selbst; an unsere täglichen kleinen Kriege, die wir trotzig durchstehen möchten. Streit und Missgunst gibt es auch in Familie, am Arbeitsplatz, in Kirche und Gesellschaft. Wir denken an unsere Verantwortung dafür, an unsere Möglichkeiten, Frieden zu stiften und Frieden zu halten. Wie viel schwieriger sind solche Interessenskonflikte, wenn Kapital, Einfluss, Macht auf dem Spiel steht. Dazu ist eine Menge Gefühl, Rücksicht und Toleranz notwendig.
      Gott des Lebens, an friedlichen Lösungen zu arbeiten erfordert Einsicht und Geduld. Aus vielen Beispielen der Bibel wissen wir aber, dass es möglich ist. Lass uns mutig solche Wege beschreiten.
    4. Gott des Friedens, Du willst keinen Krieg. Nicht zuletzt, weil Du das Leben geschaffen hast. Du willst nicht, dass junge Menschen als Werkzeuge missbraucht werden. Wir denken an all die, die in Armeen, Militär und anderen Machtapparaten Ideologien folgend ihre sogenannte "Pflicht" erfüllen. Sie sind Täter und Opfer zugleich. Sie brauchen unser Gebet. Gott des Lebens, Du mutest es uns zu tolerant und einsichtig zu sein. Du glaubst auch an unsere Fähigkeiten, alles zum Guten zu wenden.
    5. Gott des Friedens, große Verantwortung liegt in den Entscheidungen einiger weniger. Ihre Entscheidungen werden die Entwicklungen der nächsten Wochen, Monate, vielleicht der nächsten Jahrzehnte weltweit bestimmen. Wir beten für das Verantwortungsgefühl dieser Menschen, die an den Hebeln der Macht sitzen. Wie immer sie heißen, lass sie den Hauch des Lebens spüren, der ihnen die Augen öffnete für mögliche Konsequenzen für Menschen, Natur und Umwelt auf Deiner Erde. Es geht nicht nur um die Länder im Nahen Osten, es geht auch hier um heute. Es geht um Deine Ökumene, um Deine ganze bewohnte Erde.
      Gott des Lebens, wir haben versprochen, deine Schöpfung bewahren. Du vertrautest uns die Erde an, das heißt, Du traust es uns zu, sie zu bewahren.
    6. Gott des Friedens, So oft in der Geschichte haben Menschen erfahren, dass Hass nur neuen Hass, Gewalt nur neue Gewalt heraufbeschwört. Wir sind so ratlos und kommen uns klein vor, warum dieses Lernen aus der Geschichte nicht möglich sein soll. Wir wollen so gerne Deine Friedensstifter und Friedensstifterinnen sein. Wir wissen auch ,dass es nicht ausreicht zu beten, wenn wir nicht bereit sind, zu handeln.
      Gott des Lebens, es fängt bei uns an. Gib uns Kraft, die unbequemen Schritte zu gehen, die Schritte auf dem Weg zu mehr Gerechtigkeit.
    7. Gott des Friedens, wenn wir Frieden stiften werden wir als Deine Töchter und Söhne selig gepriesen. Lass uns im Geist dieser Kindschaft nach Wegen der Versöhnung suchen und schenke der Welt Deinen Frieden.
      Gott des Lebens, Du gibst uns den Frieden - den Shalom - der wahrhaft erfülltes Leben schenkt.

    (Evelyn Martin, Dr. Sigrid Mühlberger)

  • Vater unser
  • Friedensgruß
  • Lied: Wenn Gott uns heimbringt aus der Verbannung (Oosterhuis/Huijbers)
  • Segen
  • Lied: Dona nobis pacem