Der Dritte Orden der Einheit

"Nie gehört!", das war die häufigste Antwort, als ich "Taizé-Insider" nach dem Dritten Orden der Einheit (DOE) befragte.
Wie ich darauf kam? Nun, in einigen älteren Publikationen wird der DOE erwähnt:

Der Kreis der Laien um Taizé, Männer, die in einem bürgerlichen Beruf und in einer konkreten Kirchgemeinde leben, werden angehalten, auch "in ihrer christlichen Berufung Betrachtung und Betätigung ("contemplation et action") zu vereinigen, indem ihr Dienst in der Familie und im Beruf beginnen und im Gemeindeleben sich verwirklichen soll". "Wir erinnern sie daran, daß es nirgends ideale Gemeinschaft gibt, in Taizé nicht eher als andernorts; wir möchten, daß sie, gemäß dem christlichen Realismus, sich den Bedingungen ihrer Gemeinde anpassen, unabhängig von der Persönlichkeit des betreffenden Pfarrers. Im Gebiet des Oekumenischen verlangen wir von ihnen nicht eine Oekumene der hohen Sphären und der großen Konferenzen, sondern eine oekumenische Gesinnung, die nicht teilhat am Ärgernis der Trennung der Christen, und die jeder Polemik und jeder Übelrede widersteht. Damit diese Beziehung wahr, direkt, ohne Falsch ("sans tricherie") sei, legen wir Wert darauf, dass der Angehörige des dritten Ordens Gastfreundschaft halte, das Gespräch führe und bete auch mit dem, der Jesus Christus anders bekennt als er selbst".1 (1954)

Gemeinsam mit den Brüdern von Taizé haben die Schwestern von Grandchamp auch einen "Dritten Orden" (Le Tiers Ordre de l'Unité). Er vereinigt Laien, die den Wunsch haben, sich einer gemeinsamen geistlichen Lebensordnung zu unterstellen, im Geist der Seligpreisungen, der Freude, Einfalt und Barmherzigkeit zu leben und die ökumenische Gesinnung zu vertiefen.2 (1959)

Um die Kommunitäten von Taizé und Grandchamp hat sich auch ein "Dritter Orden der Einheit" gebildet. Er umfasst Männer und Frauen, die nach dem Geist der Regel von Taizé leben möchten, ohne jedoch die Bindungen einzugehen, die ihnen das Leben in der Kommunität auferlegen würde. Auch hier sind zwei Anliegen beherrschend: Man will durch das Gebet für die Einheit und durch die Pflege ökumenischer Kontakte "in der Kirche stehen", durch Leben und Einsatz in einer bestimmten sozialen Umwelt "in der Welt stehen". Und auch hier ist das Gebet der tragende Grund.3 (1962)

Taizé hat zusammen mit Grandchamp [..] eine Tertiärbruderschaft von etwa 250 Mitgliedern, die ihr bruderschaftliches Leben in der Familie und im weltlichen Beruf realisieren - ein in das alltägliche Leben ausgestreckter Arm der Kommunität.4 (1965)

Neugierig geworden, begann ich zu recherchieren. Was ist eigentlich ein "Dritter Orden"?
Mit "Dritter Orden" werden christliche Gemeinschaften bezeichnet, die gemeinsam mit Männerorden (Erster Orden) und Frauenorden (Zweiter Orden) eine Ordensfamilie bilden. Man unterscheidet regulierte Dritte Orden mit klösterlichem Charakter und "weltliche" Dritte Orden, deren Mitglieder verschiedenen Ständen und Berufen angehören, sich an der jeweiligen Ordensregel orientieren und nach einer Probezeit (Noviziat) ein Versprechen auf Lebenszeit ablegen. Die Mitglieder eines Dritten Ordens werden Terziaren (auch Tertiaren, von lateinisch tertius = der Dritte) genannt.

1954 ist noch von einem männlichen "Kreis der Laien um Taizé" die Rede, 1959 wird bereits im selben Atemzug Grandchamp genannt.
Tatsächlich steht die Entstehung des DOE in enger Verbindung mit den Entstehungsgeschichten der Communauté de Taizé und der Communauté de Grandchamp:

         

Bereits 1913 gründeten 10 Frauen, Mitglieder der reformierten Kirche der Schweiz, darunter Geneviève Michéli, einen spirituellen Freundschaftsbund.
1931 kamen 25 (durchwegs verheiratete) Frauen zu drei "Tagen der Besinnung" in Grandchamp (Areuse, Gemeinde Boudry, Kanton Neuchâtel, Schweiz) zusammen. Derartige Einkehrtage (Retraiten) waren damals innerhalb der reformierten Kirche etwas völlig Neues, fanden aber in Folge jedes Jahr statt.
1936 fühlten sich Marguerite de Beaumont und Marguerite Bossert berufen, in Grandchamp die Möglichkeit eines dauernden Aufenthalts zu schaffen, ein Gästehaus, eine Stätte des Gebets.2

                  

Während seines letzten Studienjahres in Lausanne, 1939, wurde der Theologiestudent Roger Schutz zum Leiter der Evangelischen Studentenvereinigung gewählt. Um eine gemeinsame spirituelle Basis zu schaffen, initiierte er einen Studienkreis, der sich nach einiger Zeit Grande Communauté nannte. Die Gruppe bestand aus 20 Studenten, die versuchten, ihren christlichen Studienkollegen durch Gebet und Arbeit aus ihrer Vereinsamung und zu einem gemeinsamen Lebenszweck zu helfen. Die Grande Communauté kam jeden Monat zu einem Kolloquium zusammen, das von den Mitgliedern und anderen evangelischen Intellektuellen vorbereitet wurde. Die Grande Communauté veranstaltete auch Einkehrtage (Retraiten), die viele Menschen anzogen.
1940 entschloss sich Roger Schutz, ein Haus zu kaufen, eine Stätte, wo er seine Vision eines gemeinschaftlichen Lebens verwirklichen und zugleich seine Gruppe Zusammenkünfte abhalten konnte. Auf seiner Suche gelangte er auch nach Grandchamp und erzählte dort Marguerite de Beaumont von seiner Idee, eine Männer-Kommunität zu gründen.5
Er fand ein geeignetes Haus in Taizé, das die Grand Communauté Haus von Cluny nannte. Im Dezember 1940 fand dort das erste Kolloquium statt.6

         

1940 stieß Irene Burnat zu den beiden ersten "Schwestern von Grandchamp", später kam Madeleine Taverney dazu.

                  

Roger Schutz lebte fortan im "Haus von Cluny" und gab dort politisch Verfolgten Unterschlupf. Zugleich arbeitete er an einer Regel für die Communauté de Cluny. Am 1. Oktober 1941 war sie fertig. Er ließ die 18-seitige Broschüre drucken und verteilte sie unter seinen Freunden.

Die Broschüre verfehlte ihre Absicht nicht. Ende 1941 begab sich der Theologiestudent Max Thurian für geistliche Übungen nach Grandchamp. Im Lesesaal stieß er auf das Heftchen. Besonderen Eindruck hinterließ bei ihm die abschließende Fußnote auf der letzten Seite: "Man stellt uns oft die Frage: Beabsichtigt ihr, in diesem Hause eine dauernde Gemeinschaft zu schaffen? Das Problem ist heute zu schwierig, als dass man darauf genaue Antwort geben könnte."
Fasziniert von dem Gedanken eines Gemeinschaftslebens besuchte Max Thurian am 5. Januar 1942 Roger Schutz in dessen Elternhaus in Genf. Vom ersten Augenblick an herrschte zwischen ihnen ein voller Gleichklang. Im Frühjahr 1942 schloss sich Pierre Souvairan spontan der entstehenden Gemeinschaft an. Im September 1942 war Max Thurian zum ersten Mal für 14 Tage bei Roger Schutz in Taizé. 7

Da am 11. November 1942 die deutsche Wehrmacht auch die südliche Zone Frankreichs besetzt hatte, war es nicht mehr möglich nach Taizé zurückzukehren. Die Vier - inzwischen war auch Daniel de Montmollin dazugestoßen - richteten sich daher eine Wohnung in Genf ein. Sie bezeichneten sich als Communauté résidente in Abgrenzung zur Communauté en général; ihr gemeinsames Leben war franziskanisch geprägt.8 Morgens und abends trafen sie sich, anfangs noch mit der Grande Communauté (jetzt auch Communauté d'intellectuels protestants) zusammen, zum Gebet in einer Seitenkapelle der Genfer Kathedrale.

         

1944 wurde die inzwischen verwitwete Geneviève Michéli gebeten, die kleine Gemeinschaft in Grandchamp zu leiten. Gemeinsam entschieden sie sich, von einer Zusammenarbeit zu einem völligen Gemeinschaftsleben überzugehen.

                  

Am Ostersonntag, dem 17. April 1949 legten die ersten 7 Brüder von Taizé ihr Gelübde ab. 1951 waren sie bereits zu zwölft.

         

Am 9. November 1952 legten die ersten 7 Schwestern von Grandchamp ihre Profess ab, wobei Marguerite Bossert den Ordensnamen Marthe annahm. Im Jahr darauf übernahmen die Schwestern von Grandchamp die (von Fr. Roger 1952 verfasste) Regel von Taizé.

Im November 1953 fand in Grandchamp eine gemeinsame Versammlung beider Kommunitäten statt. Fr. Roger und Sr. Geneviève verfassten ein Dokument, in dem die beiden Kommunitäten "ihre gemeinsame Berufung zum Dienst Jesu Christi und die Einheit ihres Zeugnisses in den Kirchen der Reformation" bekunden. Künftig werden Entscheidungen, welche die weitere Entwicklung der Kommunität Grandchamp betreffen, vom Prior von Taizé angeregt oder vorgeschlagen (zum Beispiel die Dienste in den Fraternitäten außerhalb); die Zeiten der Einkehr und Besinnung für die Schwestern oder das Probejahr werden durch einen Bruder von Taizé geleitet; im Denken, Beten und Tun soll die Einheit sichtbar gemacht und weiter verstärkt werden.9

"Le Tiers Ordre de l'Unité", der Dritte Orden der Einheit, war eine Vision Fr. Rogers, den "Grandes Communautés" von Taizé und von Grandchamp (also dem engeren Kreis der Laien um die Ordensgemeinschaften) eine gemeinsame geistliche Struktur zu geben. Dies wurde im August 1955 realisiert. Anfangs engagierte sich Fr. Roger sehr für den DOE, später übergab er die Betreuung an Fr. Franz (Stoop) und Fr. Pierre-Yves (Emery).10
Die ersten Gruppen des DOE entstanden in Lausanne, Genf, Neuchâtel, später kamen Gruppen in der deutschsprachigen Schweiz, den Niederlanden und Deutschland hinzu. Vereinzelte Mitglieder gibt es in Frankreich, den USA, afrikanischen Ländern. In Österreich gibt es derzeit kein einziges Mitglied. Der DOE hat insgesamt ca. 170 Mitglieder.

Die Mitglieder des Ordens der Einheit leben ihr Engagement in ihrem Beruf, ihrer Familie und ihrer Gemeinde. Tägliches Gebet und Meditation der Bibel, Einkehrtage ("Retraiten" in Grandchamp oder der deutschschweizer "Außenstelle" der Schwestern von Grandchamp, dem Sonnenhof in Gelterkinden) und regionale Zusammenkünfte im Verlaufe des Jahres kennzeichnen ihr spirituelles Leben. Die Regionalgruppen kommen zu Gottesdiensten, Bibelarbeiten und Gesprächskreisen, in denen sie sich über das jeweilige Jahresthema austauschen, zusammen.

Der DOE wird von der "Équipe", einem Team von 8 Mitgliedern aus der welschen Schweiz, der Deutschschweiz, aus Deutschland und den Niederlanden und einer Schwester aus Grandchamp geleitet. 11

Die Regel des Ordens der Einheit ist einfach, sie besteht im Wesentlichen aus den Kapitelüberschriften der Regel von Taizé:

Bete und arbeite,
damit sein Reich komme.

Lass in deinem Tag,
in Arbeit und Ruhe,
Gottes Wort lebendig werden.

Bewahre in allem die innere Stille,
um in Christus zu bleiben.

Lass dich durchdringen vom Geist der Seligpreisungen:
Freude - Einfachheit - Barmherzigkeit.

Der Dritt-Orden der Einheit ist eine Gemeinschaft von Christinnen und Christen, die die Berufung zur Einheit in einer Spiritualität leben möchten, wie sie die Gemeinschaften von Grandchamp und Taizé in ihrer Regel ausdrücken. [..]
Im Blick auf das Gebet Christi, dass sie alle eins seien, damit die Welt glaube (Joh 17,21), ist der Orden der Einheit offen für alle, die auf der Suche nach der Einheit sind, die Christus uns anbietet: Einheit unserer Person und unseres Lebens, unserer Familie und unserer christlichen Gemeinschaft, Einheit der weltweiten Kirche. [..]
Ziel des Ordens ist der Dienst für Jesus Christus im Geist der Seligpreisungen. In ihrem persönlichen Leben, im Leben der Gemeinde und in der Ökumene wollen seine Glieder einer Berufung zur Einheit folgen.
 12

Während der 1960er Jahre entschieden sich die Brüder von Taizé, den Empfang von Jugendlichen ins Zentrum ihrer Aktivitäten zu stellen und die Betreuung des DOE an die Schwestern von Grandchamp abzutreten.10

Heute tritt man daher mit dem DOE in Kontakt durch eine Teilnahme an einer Retraite in Grandchamp oder am Sonnenhof:
Schwestern von Grandchamp, Retraitenhaus Sonnenhof, CH-4460 Gelterkinden, Tel.: +41/61/9811112, sonnenhof@grandchamp.org
Communauté de Grandchamp, Grandchamp 4, CH-2015 Areuse/Boudry, Tel. +41/32/8422492, communaute@grandchamp.org
www.grandchamp.org

Der Orden der Einheit steht allen offen, die sich gerufen fühlen, in ihrem Leben Aktion und Kontemplation zu vereinen, indem sie frei und fröhlich auf die Einladung Christi antworten. 12


Ich kannte die Regel von Taizé natürlich schon länger, seit meinem ersten Aufenthalt in Taizé 1993.
Als ich die Regel des DOE zum ersten Mal las, war ich dennoch fasziniert: Noch nie war mir aufgefallen, dass man auch als Laie nach dieser Regel leben könnte.
Wie gesagt, der DOE hat in Österreich bislang kein einziges Mitglied... Vielleicht fühlt sich jemand angesprochen?

Christoph Enzinger, Abendgebet mit Gesängen aus Taizé


1 Walter Tappolet, "Von Cluny nach Taizé", Quatember 1954, S. 235-239
2 Lydia Präger, "Frei für Gott und die Menschen. Evangelische Brüder- und Schwesternschaften der Gegenwart in Selbstdarstellungen", 1959
3 Francois Biot, "Evangelische Ordensgemeinschaften", 1962
4 Wilhelm Schleiter, "Evangelisches Mönchtum?", 1965
5 Soeur Marguerite, "Du Grain à l'Épi...", 1995, S. 115
6 Rex Brico, "Taizé. Frère Roger und die Gemeinschaft", Herder 1979
7 Jean-Marie Paupert, "Taizé und die Kirche von morgen", 1969, S.64-67
8 Andreas Stökl, "Taizé. Geschichte und Leben der Brüder von Taizé", Gütersloher Verlagshaus 1978
9 Siegfried von Kortzfleisch, "Mitten im Herzen der Massen. Evangelische Orden und Klienten der Kirche", Kreuz-Verlag, 1963
10 Soeur Minke de Vries, Schwester von Grandchamp, Auskunft per E-Mail
11 Klara Künzler, Mitglied des Leitungsteams des DOE, Auskunft per E-Mail
12 "Dritt-Orden der Einheit. Tiers-ordre de l'Unité", 1999, Regel

Zu diesem Artikel erreichten mich einige Fragen, die ich hier beantworten möchte:

Laufen die Gebete bei den Schwestern von Grandchamp auch so ab wie in Taizé, also z.B. auch mit Taizé-Liedern?
Den Gebeten in Taizé und Grandchamp ist gemeinsam, dass sie sich am (katholischen) Stundengebet orientieren, wobei die Gebete in Grandchamp "wortlastiger" sind. Pierre Stutz meinte mir gegenüber, er schätze an Taizé die Reduziertheit der Worte und die Zeit der Stille, was er in Grandchamp leider ein wenig vermisse.

Welche Stellung hat dieser Dritte Orden im Vergleich zu den vielen anderen Spiritualitäten? Wie unterscheidet er sich z.B. von der Fokolarbewegung oder anderen Spiritualitäten bzw. was genau ist eine Spiritualität?
Das Wort "Spiritualität" hat Pierre Stutz folgendermaßen gedeutet: Das lateinische Substantiv "spiritus" bedeutet Geist. Aber konkreter ist die Deutung über das Verb: "spirare" bedeutet "atmen". So entstand sein Buchtitel "Atempausen für die Seele". Spiritualität bezeichnet das Bewusstsein, in Verbindung in Gott zu stehen und die besondere Weise, diese Beziehung zu pflegen.
Der "Dritte Orden der Einheit" ist keine Spiritualitätsform, keine (unverbindliche) Bewegung und kein Verein. Die Aufnahme in den DOE erfolgt wie bei der Communauté de Taizé und der Communauté de Grandchamp durch das "Engagement".

Wäre es möglich, eine Landkarte mit den im Artikel erwähnten Orten beizufügen?
Bitte sehr:
Landkarte mit den im Artikel erwähnten Orten