Die Legende vom "Taizé-Halleluja"

Übrigens: Auch das sogenannte "Taizé-Halleluja" ist mit drin. Allerdings erfahren jetzt alle, dass die Musik aus England (19. Jhdt.) stammt. Nix Taizé!"
Hannes Ziegler über den Wiener Diözesananhang zum Gotteslob, Musik und Leben 5/93, S.8

In Taizé wird seit jeher neben den Liedern der "Hofkomponisten" Jacques Berthier und Joseph Gelineau undogmatisch gesungen, was gut ist und gefällt. Insbesonders Kanones wie "Herr, bleibe bei uns" (vgl. GL 18,8; Musik: Albert Thate 1935) werden gerne ins Programm genommen.
Ein Lied jedoch wird in ganz Europa immer wieder mit Taizé assoziert, obgleich es nur ganz wenig - allein schon stilistisch ist diese Zuordnung völlig verfehlt - mit Taizé zu tun hat: Das auch unter den Strophentiteln "Gehet nicht auf in den Sorgen dieser Welt" oder "Ihr seid das Licht in der Dunkelheit der Welt" bekannte "Halleluja".

Ich fand dieses Lied in zahlreichen Liederbüchern, mit 26 verschiedenen Strophen, mit einigen Varianten in der Melodie der Überstimme, mit den unterschiedlichsten Quellenangaben.
Johannes Ebenbauer verfasste einen Chorsatz zu diesem Lied und schrieb es großzügig Jacques Berthier zu, Werner Reischl nahm es als "Halleluja aus Taizé - einer von vielen Impulsen aus dem internationalen Meditationszentrum" auf, vom Salzburger Glockenspiel erklang im April 1997 dreimal täglich dieses Lied unter dem Titel "Halleluja aus Taizé", in "Singende Kirche" 3/1990, S.108-112 schreibt Ingrid Penner unter dem Titel "Die Gesänge von Taizé als Chance": "Hinweisen möchte ich noch auf das sicherlich allseits bekannte "Taizé-Halleluja". Warum sollte nicht auch dieser Ruf vor dem Evangelium gesungen werden, und so der zum Evangelium gehörende Halleluja-Ruf, der ohnedies immer mehr in Vergessenheit gerät, neu belebt werden?"
Das Lied verirrte sich 1991 kleingedruckt, ohne Titel und ohne Überstimme als Nr.80 sogar ins Taizé-Liederbuch (Kommentar Fr.Dirk: "We have never sung it in Taizé during the last 15-20 years. It appeared once in one of our publications, but this was an error. We do not feel it fits in with our repertory.")...

Tja. Was hat dieses Lied nun wirklich mit Taizé zu tun? Wer hat es geschrieben? Wo kommt es her? Stimmt "England, 19.Jhdt."?

Tatsache ist: Dieses Lied wurde unter der Bezeichnung "Englisches Halleluja" einmal in Taizé gesungen, und zwar bei der Eröffnung des Konzils der Jugend, am Sonntagmorgen, 1. September 1974.
Es wurde als achttaktiger Ruf, nur mit "Alleluia" als Text gesungen. Die Männer sangen die Hauptstimme, die Frauen die Überstimme, und die letzten zwei Takte waren unisono.

Fr.Dirk schrieb, dass in den frühen 70er Jahren (die ersten Taizé-Lieder von Jacques Berthier, die Kanones "Christus vincit" und "Magnificat" entstanden erst 1975!) Lieder von Jugendgruppen, die nach Taizé kamen, in der Liturgie verwendet wurden. So auch dieses Halleluja. Jedoch: "The few times it was sung was without verses. No one remembers how often it was sung since the brothers never liked it very much."
"without verses"... Woher stammt also der Text?

Die frühest datierte Text-Quellenangabe lautet "Hans-Jakob Weinz, Gabi Schneider 1974".
Zufällig entdeckte ich beim Durchblättern einer Ausgabe der Zeitschrift "17" einen Artikel von Hans-Jakob Weinz. Ich schrieb also an die Redaktion mit der Bitte um Weiterleitung meines Briefes.
Hans-Jakob Weinz (Generalvikariat Köln) erzählt in seinem Antwortbrief, dass er das Lied im Sommer 1974 bei einem Ferienaufenthalt der Charismatischen Erneuerung in der Schweiz kennenlernte und dass er und seine jetzige Gattin den Text ("Cherchez d'abord le Royaume de Dieu et sa justice et toute chose vous sera données en plus, Halleluja.") übersetzten und drei sinnverwandte Strophen dazumachten.
Er verwies mich weiter an den jetzigen Leiter des Exerzitiensekretariats des Bistums Berlin, P.Hubertus Tommek SJ, der dieses Lied, neben vielen anderen, aus Frankreich mitgebracht hatte.
P.Tommek bestätigte, dass er das Lied in Frankreich gehört hatte. Er schrieb es aus dem Gedächtnis auf, versah es mit dem deutschen Text von Weinz/Schneider und veröffentlichte es noch 1974 im Liederbuch "Preist unseren Gott. Eine Sammlung neuer geistlicher Lieder". Als Quelle für die Musik gab er "Frankreich" an.

Winfried Pilz konnte kein neues Licht in die Dunkelheit bringen... Er schrieb, dass von ihm nur die drei Strophen für den Katholikentag 1982 stammen.
Damit steht fest, dass für einige Strophen, die auch Winfried Pilz zugeschrieben werden, weiterhin ein Autor zu finden ist.

In zwei Liederbüchern wird als Autorin Karen Lafferty und als Musikverlag "Maranatha! Music" genannt. Ich schrieb an diesen Verlag und bekam eine Bestätigung und die email-Adresse von Karen Lafferty zugeschickt. Die Autorin antwortete auf meine email mit einem langen Brief über die Entstehungsgeschichte von "Seek ye first the kingdom of God".

Seek ye first the kingdom of God
And His righteousness
And all these things shall be added unto you
Allelu, alleluia.

Man shall not live by bread alone,
But by every word
That proceeds from the mouth of God.
Allelu, alleluia.

Ask, and it shall be given unto you,
Seek and ye shall find,
Knock, and the door shall be opened unto you
Allelu, alleluia.

Bild von Karen Lafferty Karen Lafferty wurde am 29. Februar 1948 in Alamogordo, New Mexico geboren. ("I'm a "leap year baby" Birthday every 4 years so I stay young that way. ") Sie begann im Alter von 6 Jahren Klavier zu lernen. Mit 9 Jahren kam Altsaxophon dazu, mit 13 Oboe. Seit ihrem zwölften Lebensjahr spielt sie Gitarre, die sie hauptsächlich bei ihren Auftritten verwendet.
Karen schloss ihr Musikstudium an der Eastern New Mexico University (Hauptfächer Chorleitung und Oboe) 1970 ab. Danach begann sie eine Karriere als Pop-Sängerin.
"Although I had been a follower of Christ since a child, it took me going through some personal crisis after university before I feel I was really seeking to live my faith everyday. The Bible verse Matthew 6:33 has been a reflection of the new dedication I made to being a follower of Christ which I made in 1970." Basierend auf dieser Erfahrung schrieb sie das Lied "Seek ye first".

Karen Lafferty leitete 17 Jahre lang in Amsterdam "Musicians For Missions International" (MFMI), einem Zweig von "Jugend mit einer Mission" (YWAM). 1996 übersiedelte sie zurück nach Santa Fe, New Mexico, um ihre kranken Eltern zu betreuen.
Karen unterrichtet Gitarre, Stimmbildung, Arrangement für Pop-Bands und die Verwendung von Musik in Liturgie und Verkündigung. In den 25 Jahren ihres Wirkens nahm sie 6 Tonträger auf; ihre bekanntesten Lieder sind "Father of Lights", "Sweet Communion", "Bird In a Golden Sky" und "Asia". Internationale Bekanntheit erlangte jedoch (neben "Seek ye first") nur das Kinderlied "Sandyland".

Karen erzählt, dass sie 1978 das erste Mal nach Frankreich und in die Schweiz kam. Überall wo sie hin kam, war "Seek ye first" mit dem oben zitierten (französischen) Text bereits bekannt. (Karen war übrigens am 5. August 1997 mit der Band "StoryTeller" in Wien zu Gast...)

Interessanterweise ist die Originalversion der Melodie (sowohl von Hauptstimme als auch Überstimme) in keinem der betrachteten Liederbücher zu finden. Auch besitzt das Original eine andere Harmonisierung (C G Am Em Dm7 C G G7 C G Am Em Dm7 C Dm7/G C) (vgl. "Kanon in D-Dur" von Johann Pachelbel).
Das Original wirkt insgesamt viel musikalischer als die in den diversen Liederbüchern veröffentlichten Versionen.

Und woher kommt das Gerücht "England, 19.Jhdt."?
Wahrscheinlich aus Taizé. Aufgrund einer Kette von mündlichen Überlieferern gelangte das Lied nach Taizé und dort mutmaßte man, dass es ins vorige Jahrhundert einzuordnen sei.

Urheber des Gerüchts, dass dieses Lied aus Taizé selbst stammt, ist sicherlich "DAS LOB. geistl. rhythm. Liederbuch, Josef Mittermair (1979)". Ohne Quellenangaben gibt es den Zusatz "HALLELUJA - TAIZÉ (Anstelle des obigen Textes wird immer HALLELUJA gesungen)".
Natürlich ist das nicht falsch: Es wurde ja in Taizé statt dem Text immer Halleluja gesungen. Nur wurde dies von den Verwendern des Liederbuchs vermutlich nie so interpretiert.

Weder Text, noch Musik stammen aus Taizé.
Die richtige Quellenangabe muss also lauten:
"Originaltext und Musik: Karen Lafferty (c) 1972 Maranatha! Music, P.O.Box 1396, Costa Mesa CA 92626, USA. Rechte für D, A, CH: CopyCare Deutschland, Postfach 1220, 73762 Neuhausen."

Christoph Enzinger, "Musik und Leben" 4/97, Abendgebet mit Gesängen aus Taizé